In den letzten 20+ Jahren konnte man sich in Lübeck drei verschiedene „Tosca“-Produktionen zu Gemüte führen – die aktuelle ist szenisch immerhin besser als ihre Vorgängerin.
Man kommt mit den herkömmlichen Figuren (minus eins) aus. Der erste Akt wirkt sehr konventionell. Im zweiten Akt sitzen Cavaradossi und Angelotti bereits an Scarpias Tafel, und man kommt in den „Genuß“ der Folterung auf offener Bühne. Und für den Schlußakt verläßt Tosca den Raum im Palazzo Farnese nicht und begegnet im Hirtenmädchen ihrem jüngeren Ich. In einem letzten dramatischen Aufbäumen schreitet Tosca auf der Flucht vor Spoletta und Sciarrone vor den Vorhang.
Aber halt, irgendwo habe ich einiges, was da auf der Lübecker Bühne stattfindet, schon gelesen. Ach ja, hier. Regisseur Dietrich W. HILSDORF hat so manches aus seiner Inszenierung an der DOR recycelt, was durchaus legitim ist. Sein Blick auf die Oper scheint sich seitdem wenig geändert zu haben.
Eine Vorgeschichte zwischen Tosca und Scarpia wird immer wieder angedeutet. Darüber wie weit diese zurückgeht, möchte man nicht nachdenken. Die Künstlerin zerbricht an der von ihr begangenen Tat, bleibt emotional förmlich in der betreffenden Szenerie stecken. Auch in Lübeck verzichtet Regisseur Hilsdorf auf einen separaten Sänger für den Schließer, was dem Publikum weitere Scarpia-Momente beschert*.
Bedauerlich ist, daß im dritten Akt szenisch das Aufatmen, der kurze Anflug von Hoffnung vor dem Schlußdrama fehlen, die sich eigentlich in der musikalischen Umschreibung des beginnenden Tages finden. Das Stück verbleibt in der schwülen Enge von Scarpias Räumlichkeiten. Wohl ein beabsichtigter dramatischer Effekt, der allerdings die Musik für mich komplett ihrer emotionalen Kraft beraubt, sie zur beinahe belanglosen Nebensache macht.
Die Bühnenbilder von Dieter RICHTER kommen klassisch daher. Gerade die auf den Bühnenhintergrund projizierte Weite des Kirchenschiffs ist kongenial (bis die dilettantisch wirkenden Videos die Illusion stören). In Kombination mit Falk HAMPELs Lichtregie findet sich für jede Szene die passende Stimmung. Nicola REICHERTs Kostüme unterstreichen den klassischen Charakter des szenischen Umfelds.
Bei der Sängerriege setzt man in Lübeck durchweg auf das eigene Ensemble.
Evmorfia METAXAKI ist mit ihrer Tosca auf einem guten Weg. Manchmal wirkte sie ein wenig zu bedacht, was für mich dem Eindruck der großen Diva (noch) abträglich war. Sie verfügt über die nötige stimmliche Bandbreite und emotionale Tiefe. Etwas mehr Mut jenseits der Konvention könnte der Schlüssel zur Perfektion sein. Das Publikum feierte sie wie auch am Premierenabend mit Enthusiasmus.
Für Gerard QUINN ist dies die dritte Lübecker Produktion als Scarpia. Daß der Bariton in dieser Vorstellung die Figur wieder mit der nötigen Balance aus dämonischer Bosheit und Galanterie auf die Bühne brachte, bewies sein untrügliches künstlerisches Gespür und hatte auch stimmlich sehr positive Effekte. Die in der Premiere vorherrschende Lethargie des Alters war weder der Figur noch dem Sänger zupassgekommen.
Konstantinos KLIRONOMOS reihte sich mühelos in die Riege der Lübecker Cavaradossis.
Steffen KUBACH brillierte als Mesner mit klug eingesetzter Komik und passender stimmlicher Akzentuierung sowie einer lobenswerten Diktion. Changjun LEE war als Angelotti aufgrund der Regie länger auf der Bühne präsent als üblich. Gesanglich punktete er auch in dieser Partie mit profunder Tiefe und viel Verve.
Noah SCHAUL (Spoletta) und Robin FRINDT (Sciarrone) sind ein Gewinn für die Lübecker Bühne. Klug eingesetzte stimmliche Akzente und eine nie aufgesetzt wirkende Präsenz waren beiden zu eigen. Jeder für sich bietet ein echtes Versprechen für die Sängerzukunft, was man auch von Ronja STROH sagen kann. Sie war als Hirtenmädchen mit ihrer natürlichen Lebendigkeit in Stimme und Spiel ein Highlight im dritten Akt.
CHOR und EXTRACHOR (Leitung: Jan-Michael KRÜGER) boten zusammen mit dem KINDER- UND JUGENDCHOR (Leitung: Gudrun SCHRÖDER) ein fulminantes „Te Deum“ und lieferten auch alle anderen Auftritte sowohl musikalisch als auch szenisch auf den Punkt. Eine ausgesprochen gute Leistung über alle Stimmgruppen hinweg.
Aus dem Graben, am Pult GMD Stefan VLADAR, dröhnte es lauter, aber glücklicherweise auch dynamischer als am Premierenabend. Das ORCHESTER präsentierte sich in einer wirklich guten Verfassung.
AHS
*Allerdings den Nachteil birgt, daß man u.U. nicht nach dem zweiten Akt gehen kann.