To Stream or not to Stream?

Die Digitalisierung schreitet unaufhörlich voran und verdrängt nach und nach die physikalischen Medien. Zwar stieg der Absatz von CDs und Schallplatten in den letzten Jahren eher an, dennoch lag der geschätzte Umsatz von Streaming laut IFPI im Jahr 2023 bei 19,3 Mrd. US-Dollar gegenüber 5,1 Mrd. Dollar Einnahmen aus CD/LP-Verkäufen. Im Jahr 2015 war das Verhältnis noch 2,6 Mrd. zu 5,1 Mrd. zugunsten der greifbaren Tonträger.

Als ITler bin ich neuen Technologien zwar aufgeschlossen, aber zugleich auch ein skeptisch-träger Late-Adopter. So entschloß ich mich erst vor anderthalb Jahren, der Sache mal eine Chance zu geben. Nach eingehender Recherche fiel meine Wahl auf Idagio, ein auf Klassik spezialisierter Berliner Streaming-Dienst.

Es gibt sowohl eine Webanwendung, als auch eine IPhone- sowie eine Android-App. Ich verwende eigentlich fast ausschließlich Letzteres, selten Ersteres. Gerüchten zufolge soll es Unterschiede zwischen den Smartphone-Versionen geben.

Der Dienst besticht durch eine gigantische Auswahl an Aufnahmen. Es fehlt eigentlich so gut wie gar nichts. Das Fehlen der beiden Studio-Aufnahmen von „Don Carlos“ und „Aida“ unter Karajan mit jeweils Carreras, Cappuccilli, Baltsa &Co. schmerzt allerdings gewaltig, kann aber notfalls durch Digitalisierung selbiger kompensiert werden, wenn nötig.

Durch diese Vielfalt und die Möglichkeit, diese Aufnahmen ohne zusätzliche Kosten komplett hören zu können, wurde mein musikalischer Horizont definitiv erweitert. Hätte ich mir eine Aufnahme von Sir William Waltons „Troilus & Cressida“, Liszts „Sardanapale“ oder Donizettis „L’Esule di Roma“ gekauft? Oder nur von deren Existenz Kenntnis gehabt? Vermutlich nicht. Momentan höre ich Per August Ölanders „Blenda“ mit durchweg guter Besetzung und stelle fest, dass schwedisch eine sehr kantable Sprache ist.

Es gibt pro Woche ca. fünf bis zehn neue Aufnahmen. Da kann man schön den Überblick behalten. Natürlich gibt es dabei auch viele Doubletten, Tripletten, etc., da viele Labels Neuauflagen herausbringen, nicht zuletzt da das Copyright für viele alte Aufnahmen langsam ausläuft. Dadurch stieß ich u.a. auf Opernhighlights aus der Schlesischen Oper im polnischen Bytom (bei Katowice). Hätte ich mir nie gekauft, habe ich mir angehört und für durchaus hörenswert befunden.

Darüberhinaus werden wöchentlich Vorschläge gemacht basierend auf dem individuellen Hörverlauf. Auch hier gibt es immer mal wieder interessante Vorschläge, die man schnell mal herunterladen kann.

Ein weiteres von mir jedoch noch nicht ausprobiertes Feature sind Events. Dabei handelt es sich um gefilmte Aufführungen von Opern, Balletten oder Konzerten, für welche man Tickets erwerben kann. Wie viel einem das wert ist, kann man selber entscheiden. Man kann selbst entscheiden, was einem dieses Event wert ist. Dabei ist jedoch bedauerlicherweise festzustellen, daß das Angebot (zumindest im Musiktheaterbereich) immer das Gleiche zu bleiben scheint. Ein wenig mehr Rotation oder auch Kooperationen wären wünschenswert.

Eines von zwei gewaltigen Mankos wurde vor kurzer Zeit behoben. Man konnte innerhalb seiner favorisierten Aufnahmen nicht suchen oder diese anderweitig strukturieren. Mittlerweile funktioniert Ersteres. Als sehr unkomfortabel empfinde ich es allerdings, daß in der Sängerübersicht die Rollen fehlen, lediglich die Stimmlage der Sänger ist zu erfahren. Man kann zwar i.d.R. die Booklets zu Rate ziehen, aber da die Stimmlagen pro Aufnahme eh individuell angegeben werden, sollte es doch eigentlich möglich sein, die Rolle auch anzugeben.

Ferner ist es nicht sehr praktisch, dass man die Position in einer Liste von Aufnahmen nicht gemerkt wird, so daß man immer wieder runterscrollen muss. Es kann allerdings sein, dass das ein reines Android-Problem ist.

Das Schöne am Streaming ist, daß man seine Musik immer dabeihat. Die meisten Menschen haben heutzutage ein Smartphone. Kompatible Kopfhörer/In-Ear-Buds kosten nicht die Welt. Die meisten Autos werden zumindest einen AUX-Anschluß haben, viele Bluetooth. Streaming unterstützende Hifi-Anlagen gibt es auch in allen Preis- und Qualitätsklassen. Idagio bietet die Möglichkeit, die Alben herunterzuladen, so daß sie abgespielt werden kann, auch wenn man kein Netz oder begrenztes Datenvolumen hat. Man hat spontan Lust auf eine bestimmte Aufnahme? Kein Problem! Man möchte seine individuelle Playlist abspielen? Kein Problem.

Dazu kommt, daß einige Aufnahmen schlichtweg nicht mehr physisch verfügbar sind, weil sie in geringer Auflage produziert wurden. Ich wage zu bezweifeln, daß eine sieben Jahre alte Aufnahme von Pierantonio Tascas „Santa Lucia“ aus dem Theater Dessau noch irgendwo zu erhalten sein wird… Wer nun übrigens bei der bloßen Erwähnung des Werks und des Komponisten Mandolinen-Klänge vor dem inneren Ohr hat, wird nicht enttäuscht!

Der Fairness halber ist zu erwähnen, dass die Platzhirsche auch ein ähnlich großes Angebot zu haben scheinen. Stichproben bei Spotify und Apple Music lassen das vermuten. Mit diesen habe ich jedoch keinerlei Erfahrung.

Sollten Sie Interesse haben, die meisten Streaming-Dienste sind kostenlos nutzbar (allerdings mit Werbung) und bieten die Bezahl-Versionen als zeitlich begrenzten kostenlosen Test an. In meinem Fall macht es die CD-Sammlung komplett überflüssig. Wer die Haptik vermißt, könnte Streaming als Ergänzung betrachten. Und wer es nicht möchte, muß es ja nicht machen… WFS

Disclaimer: Ich habe ein Idagio-Abo und erhalte für diesen Artikel keinerlei Gegenleistung!