Das Volkstheater Rostock goes Nockherberg, zumindest ästhetisch, und seine aktuelle Produktion von Mozarts Oper über den ultimativen Verführer ist dabei amüsanter als das diesjährige Singspiel. Drei Stunden kurzweiliger Operngenuß – dieser Abend war ein einziger Spaß für Ohren und Augen.
Grzegorz SOBCZAK gab einen galanten, über den Abend hinweg aber immer mehr von seinen Taten geprägten Don Giovanni und sang diesen schlicht grandios. Die Entwicklung, die er seit seiner Lübecker Zeit gemacht hat, ist vielleicht nicht überraschend, aber ausgesprochen erfreulich. Seine Energie schien unerschöpflich. Seine Stimme besitzt einen Farben- und Facettenreichtum, um den so mancher Kollege beneiden dürfte.
Kein Giovanni ohne Frauen. Donna Elvira, die bei ihrem ersten Auftritt mit Motorroller- und Schuhpanne zu kämpfen hatte, wurde von Anna WERLE mit Verve gesungen. Elviras On-/Off-Gefühle für Giovanni brachte sie nachvollziehbar auf die Bühne. Temperament, das man nicht nur sah, sondern auch in jedem der vollendet dargebrachten Töne ihres Gesangs hörte.
Aurora MARTHENS’ Donna Anna trug schwer an ihren Schuldgefühlen den Tod des Vaters betreffend. Die Axt, mit der er gemeuchelt wurde, schwang sie den Abend über, daß es jedem Lizzie Borden-Stück alle Ehre gemacht hätte. Mozart alle Ehre machte der pointierte Gesang ihrer schlank geführten, über alle Lagen perfekt sitzenden Stimme.
Putzmunter und weite Strecken ziemlich autoritär wirbelte Zerlina über die Bühne. Agostina MIGONI war mit ihrer gefälligen Stimme für die Abenteuern nicht abneigte junge Dame eine durchaus gute Besetzung.
Angenehm war, daß das Volkstheater nicht nur eine perfekte Besetzung der Titelrolle und ein grandioses Damenensemble aufbot, sondern daß die männlichen Figuren dem in nichts nachstanden.
Leporello war hier nicht nur als Verführer in Ausbildung, sondern besaß mannigfaltige Charakterzüge und damit eine Wandelbarkeit, die Jaehwan SHIM mal eben aus dem Ärmel zu schütteln schien. Gesanglich gab er der Figur spiegelgleich viele Facetten. Eine Aufgabe, die seine Stimme problemlos meisterte.
Der Don Ottavio von Adam SÁNCHEZ hätte locker drei oder vier Arien verdient gehabt, punktete aber auch so als dauerpräsenter Begleiter Annas mit spannender musikalischer Gestaltung, perfekter Phrasierung und der Figur wohltuender Lebendigkeit. „Cercate“ in „Il mio tesoro“ hielt er als seien es „Wälse“-Rufe, ohne daß es aufgesetzt oder übertrieben wirkte.
Jiwoong SHIN überzeugte mit stimmlichem Charisma. Sein Masetto besaß durch die quicklebendige Interpretation viel Bühnenpräsenz und zeigte neben Bauernschläue auch viel natürlichen Witz.
Lucia LUCAS komplettierte dieses so großartige Ensemble als Macht der konsequenten Strafe. Ihr Commendatore entfaltete zur Höllenfahrt die volle stimmliche Präsenz und wirkte dabei nicht eine Sekunde statuarisch.
Der OPERNCHOR rundete gemeinsam mit den MITGLIEDERN DER SINGAKADEMIE ROSTOCK, auf den Punkt von Csaba GRÜNFELDER einstudiert, das gesangliche und darstellerische Mozartvergnügen ab.
Svetlomir ZLATKOV am Pult der sehr gut disponierten sowie erfreulich frischen aufspielenden NORDDEUTSCHEN PHILHARMONIE verlieh dem Abend mit musikalischem Schwung und trug maßgeblich zur Kurzweiligkeit bei.
Zu all dem überbordenden musikalischen Treiben hat Daniel PFLUGER mit seiner Inszenierung und vielen kleinen wie großen Ideen, die das Stück in die fünfziger Jahre heben, ohne der Geschichte zu schaden, den perfekten Rahmen geschaffen. Alles war stetig im stückkonformen Fluß. Man hatte in keinem Moment den Eindruck, daß die Sänger in ein starres Korsett von Regieideen gezwängt wurden.
Nockherberg goes Fabel möchte man sagen. Gelöst wurde dies mittels Masken und einer ausgefeilten Personenregie. Giovanni als Wolf, wohl auch ein Werwolf, der den Frieden im Wald stört und aus Schleiereule (Anna), Füchsin (Elvira) wie Hasen (Ottavio) ihren Widerstandswillen herauskitzelte. Begleitet wurde er dabei von einem Bären (Leporello). Jeder Figur wurden so Eigenschaften zugeordnet – vermeintlich zumindest, denn Ottavio ist mitnichten ein Hasenfuß und als Giovanni das Paar Zerlina/Masetto mittels Masken zu Schafen machte, zeigte das wie sehr er sie unterschätzt.
Die dafür passende Videokunst, deren Bilder sich u.a. auch gnadenlos und ohne Scham KI oder KI-Ästhetik bedienen, hatte Sarah SCHERER geschaffen. Die Stimmung im Wald wurde am Anfang von der Bedrohlichkeit des Raubtiers durchsetzt sowie am Ende in all seiner (trügerischen) Friedlichkeit gezeigt, die Registerarie entsprechend mit verschiedensten Damen illustriert.
Die Bühnengestaltung von Martin FISCHER schuf mit einfachen Mitteln, aber stets durchdacht, immer wieder neue Räume. Unterstützt wurde dies von der auf den Punkt eingesetzten Lichtregie. Auch der Rand des Orchestergrabens wurde als natürlich einbezogener Teil des Bühnenraums bespielt, ohne daß es für eine Sekunde überflüssig oder gewollt wirkte.
Claudia Charlotte BURCHARDs Kostüme waren so bunt wie rollen- und fabelfigurgerecht. Mit ihnen wurden die Charaktere das Regiekonzept perfekt gespiegelt.
Eigentlich sind Mozarts Opern nicht wirklich meins, aber diese Rostocker Produktion mit ihrer mehr als gelungenen Symbiose aus Werk, Gesang, Spiel, orchestraler Umsetzung und auf den Punkt gebrachter szenischer Umsetzung hat mich in ihrer Kurzweiligkeit restlos begeistert. AHS