Schon seit den online stattfindenden Corona-Ersatz-Vorstellungen ist das Gärtnerplatztheater für uns das ganz große Münchner Opernhaus. Mit seinen Produktionen, seiner Spielplangestaltung und nicht zuletzt mit dieser Musicalproduktion hat sich dieser Eindruck intensiv gefestigt.
Karten für diesen Abend zu erhalten, erforderte einiges an Logistik (rechtzeitig auf der Website sein, um auf die Warteliste zu gelangen, selbige Liste im Auge behalten und schnell bei der Auswahl der gewünschten Plätze sein), denn die hauseigene Inszenierung von Boublils und Schönbergs Musical ist ausgesprochen beliebt und nicht nur dieser, sondern auch der folgende Abend waren ausverkauft.
Einer der Gründe hierfür dürfte insbesondere an der nahezu perfekten. musikalischen Umsetzung sowohl auf der Bühne als auch im Graben begründet sein.
Jean Valjean war bei Armin KAHL in nicht unkompetenten Händen. Er war da, es fehlte vielleicht die Aura des fast schon Überheiligen, andererseits ist es auch eine akzeptable Interpretation, dies zu unterspielen. Stimmlich ging das nicht ohne Kampf ab; die wahrscheinlich in der Geschichte des Stücks nur von weniger als einer Handvoll Sänger jemals absolut sicher beherrschten Töne, mit denen Schönberg seinen Hauptdarsteller versehen hat, waren nicht so seins, anderes war hingegen sehr schön anzuhören.
Daniel GUTMANN reiht sich als Javert in die gar nicht mal so kurze Reihe von Opernbaritonen ein, die sich diese Rolle zu eigen machen. Stimmlich ohne jede Einschränkung, sehr herrisch und bestimmend bot er alles auf, was dieser komplexe Charakter benötigt.
Als Fantine zeigte Wietske VAN TONGEREN keine Scheu, die drastische Wandlung der Figur von der aufopfernden Mutter zur Hure in Spiel und Gesang deutlich zu machen. Sie war aber ebenso perfekt in ihrer zarten Verletzlichkeit während Fantines Sterbeszene und bei ihrem Auftritt am Ende des Abends.
Thomas HOHLER kann insbesondere stimmlich sicherlich bereits mehr als Marius, doch es wäre schade gewesen seine Charakterstudie des rich kid mit revolutionärer Attitüde und der grandios gespielten trotteligen Verliebtheit voller Überschwang zu verpassen.
So ein Marius braucht mindestens eine starke Frau an seiner Seite – mit Kristine EMDE (Cosette) und Katia BISCHOFF (Éponine) gab es zwei an stimmlicher Stärke und Enthusiasmus gleichwertige Darstellerinnen, die jede für sich die perfekte Attitüde und Stimmfarben für ihre Partie in petto hatten.
Enjolras ist schwierig zu besetzen, die Rolle hat eine Menge an gesangstechnischen Hürden, und wenn man die bewältigt, soll man auch noch genug Charisma für einen Anführer, dem seine Freunde in den Tod folgen, verbreiten. Merlin FARGEL gehört zu den raren Rollenvertretern, der beide Aspekte so mühelos vereinen kann, daß wir die Figur sogar mögen konnten, was wir üblicherweise nicht tun.
Dagmar HELLBERG bot als Madame Thénardier alles an boshafter Ironie und Verschlagenheit, um aus der Rolle mehr als einen reinen Comic Relief zu machen. Ihr zur Seite kam Alexander FRANZEN kaum über Thénardier als Stichwortgeber hinaus.
Waren Ricarda LIVENSON als kleine Cosette und Johanna PAWELKE (kleine Éponine) vor allem sehr lebendig und niedlich, so besitzt Gustaf KNOPP (Gavroche) bereits die Fähigkeit, ein ganzes Theater zu unterhalten ohne dabei aufgesetzt oder übertrieben zu agieren.
Die Mitglieder des Ensembles waren in zahlreichen Rollen besetzt und allesamt großartig. Leider weichen die Angaben auf der Website und im Programmheft teilweise voneinander ab, so daß hier nur ein Pauschallob für Alexander Paul FINDEWIRTH, Joana HENRIQUE-JAKOBS, Samuel Tobias KLAUSER, Evita KOMP, Katharina LOCHMANN, Thomas MCGOWAN, Martin MULDERS, Peter NEUSTIFTER, Leoni Kristin OEFFINGER, Christian SCHLEINZER, Laura SCHNEIDERHAN und Meren VERHAEGH (Quelle: Theaterwebsite – Besetzung 30.05.2026) möglich ist – ergänzt um ein spezielles Lob für die Darsteller des Bischofs, Bamatabois‘ und sämtlicher Amis.
CHOR, KINDERCHOR, STATISTERIE UND KINDERSTATISTERIE sorgen für viel wuselige, aber nie (ungewollt) chaotisch wirkende Lebendigkeit auf der Bühne und gaben, so sie zum singenden Part des Ensembles gehörten, auch stimmlich eine lobenswert homogene Leistung.
Das ORCHESTER bewies unter Leitung von Koen SCHOOTS, daß es im Musicalrepertoire ebenso zuhause ist wie in allen anderen Genres, die am Gärtnerplatz auf die Bühne kommen.
Intendant Josef E. KÖPPLINGER hat seinem Ensemble dazu eine sehr klassische „Mis“-Inszenierung geschaffen, die neben ihrer Werketreue mit vielen kleinen Einfällen begeistert und sich gegenüber keiner Westend- oder Broadwayproduktion erstecken muß. Die Bewegungen (Choreografie und Co-Regie Ricarda Regina LUDIGKEIT) sind durchdacht, im Gegensatz zu anderen klassischen Musicals gibt es hier ja keine ganz großen Ensemblestanzszenen.
Die von Rainer SINELL geschaffene Bühne hat alles, was das Stück benötigt, die Kostüme von Uta MEENEN passen in die Zeit und achten auf Details. Das Licht von Andreas ENZLER und Josef E. Köpplinger muß sich eigentlich nur einen Vorwurf machen lassen. Von unserem Platz konnte man sich nicht sicher sein, ob Javert wirklich von der Brücke springt, da wäre ein anderer Lichtwinkel günstiger gewesen.
Beworben wird die Produktion „Barrikade – Hitparade“ – etwas, das wir nicht mit Blick auf das Stück, sondern auch so unterschreiben können. „Les Misérables“ am Gärtnerplatztheater = ein absoluter Hit. MK & AHS