Das diesjährige Edinburgh Fringe war seit einer Woche vorbei, aber der „Spanische Abend mit Wein und Gesang“ in der Kreuzkirche Wandsbek hatte eine ganze Menge Fringe-Vibes.
Eine Location, mit der man im Alltag eher nicht in Berührung kommt – check. Ein Programm, das man jetzt nicht unbedingt mit dem Veranstaltungsort in Verbindung bringen würde – check. Viele engagierte Gastgeber und ein Künstlerensemble, das mit viel Freude dabei ist – check. Ein echtes Erlebnis und jede Menge Spaß – check. Und das Ganze praktischerweise in meinem Stadtteil.
Die Musikauswahl enthielt Stücke, die in Spanien spielen, darüber erzählen oder von dort oder anderswo in der Welt kommen und auf Spanisch gesungen werden. Natürlich fällt einem in diesem Zusammenhang zuerst Bizets „Carmen“ ein, und der Abend begann auch damit. Vor „Habanera“ und „Blumenarie“ hörte man das Duett Micaela – Don José.
Rocío REYES ROMERO gehört zu den Sängern, die die ersten zwei, drei Töne singen, und man sich fragt, weshalb man von ihnen zuvor noch nie gehört hat. Ihre natürlich klingende Stimme ist nicht einfach nur schön, sondern verfügt auch über Tragkraft und eine farbenreiche Wärme.
Dazu kommt, daß sie jeder Figur, jedem Stück einen eigenen Charakter zu geben weiß. Erst hörte und sah man eine glaubhaft scheue Micaela, eine rebellische, verführerische Carmen mit allen musikalischen Facetten, gefolgt von drei berührend vorgetragenen Liedern von De Falla sowie ein Lied aus ihrer chilenischen Heimat und einer koketten Zerlina.
Tomasz MYŚLIWIEC kennt man vom Theater Lübeck und als Solist der Hamburger Opernfactory. An diesem Abend präsentierte er sich nicht nur als einfühlsam singender Don José und operettentenorig (Habe ich jemals live etwas aus „Clivia“ gehört? Nein, aber warum eigentlich nicht?), sondern auch fachübergreifend als Don Giovanni, der Zerlina und Publikum um den kleinen Finger wickelte, und mit der Cavatina von Rossinis Figaro.
Seine Entertainer-Qualitäten kamen auch nach der Pause u.a. mit einer sich selbst begleitenden Darbietung von „La bamba“ zum Tragen, die das Publikum zum begeisterten Mitsingen animierte und den zweiten weniger klassisch orientierten Teil einläutete.
Dargeboten wurden mit „Hijo della luna“, „Granada“, „Amor, Amor, Amor“ und der gemeinsam gesungenen Zugabe „Besame mucho“ allerdings schon Klassiker des entsprechenden Repertoires. All dies unterstrich die Bandbreite beider Sänger, wobei Tomasz Myśliwiecs Interpretation von Leighs/Darions „Impossible Dream“ ganz besonders berührte.
Andreas FABIENKE begleitete seine Sängerkollegen professionell, engagiert und sehr weit vom Klischee eines Kirchenmusikers entfernt.
Alles in allem ein sehr gelungener Septemberabend in der Kreuzkirche. Es steht zu hoffen, daß bis zum nächsten Weinabend nicht wieder drei Jahre vergehen, und daß es dann etwas mehr Werbung gibt, damit ich nicht wieder allein deshalb darauf aufmerksam werde, weil es für 48h Jenfeld und Theaternacht draußen einfach zu naß ist. AHS