„Simon Boccanegra“ – 12. Juni 2015

Die Produktion von Chrisof LOY arbeitet ohne große Requisiten, zwei Emporen mit Stufen, ein Stuhl mit Tisch und im Hintergrund Prospekte, die von Hand bewegt werden, sind alles, was man zu sehen bekommt (Bühnenbild: Johnnes LEIACKER). Das funktioniert exzellent, wenn man, wie an diesem Abend bei den drei großen männlichen Rollen engagierte, überragende Darsteller hat, die Leere wird gefüllt.

Die Kostüme (Bettina WALTER) sind modern, aber kleidsam, die Prospekte sehr ansehnlich. Es gibt zwar Momente, die zunächst irritieren, beispielsweise wenn zu Beginn und am Ende die Beteiligten nebst Chor auf der Bühne in vollkommender Stille stehen, ohne Musik, ohne einen Ton, oder nach dem Prolog Simone, Fiesco, Paolo und Pietro stehen bleiben, man von hinten das „Ingemisco“ aus Verdis „Messa di Requiem“ hört und alle vier nach und nach ihre Perücken abnehmen, graues Haar zum Vorschein kommt und sie auf diese Weise altern, aber es fügt sich gut zusammen.

Großen Anteil daran hat Carlo MONTANARO am Pult des großartig aufspielenden FRANKFURTER OPERN- UND MUSEUMSORCHESTERs. Er dirigiert einen Verdi, wie er sein sollte, mit Brio, Emphase und schwelgt in den Melodien, ohne dabei jemals Gefahr zu laufen, die Sänger zuzudecken oder in Schwierigkeiten zu bringen. Der CHOR und EXTRA-CHOR DER OPER FRANKFURT unter der Leitung von Tilman MICHAEL ist ebenfalls auf hohem Niveau.

Bei den Sängern mußte man lediglich bei zwei Rollen Abstriche machen. Gianfranco MONTRESOR als Paolo ist wenig überzeugend als bösartiger Strippenzieher, er weiß keine wirklichen Akzente zu setzen, sein Moment am Ende des Prologs, als er auf Simones Aufschrei „Paolo, una tomba!“ mit dem zynischen „Un trono.“ antwortet, verpuffte völlig. Er blieb weder stimmlich, noch darstellerisch in bleibender Erinnerung.

Amelia war Jessica STRONG, Mitglied des Opernstudios, anvertraut, für welche die Rolle etwas zu früh kommt. Da fehlt es noch an Durchschlagskraft, an darstellerischer Präsenz, um mit den anderen drei großen Rollen mitzuhalten. In lyrischeren Rollen dürfte die Sängerin derzeit noch besser aufgehoben sein.

Ihr Gabriele Adorno wurde von Wookyung KIM verkörpert, dessen Stimme seit der letzten Begegnung weiter gewachsen ist, ohne jedoch das qualitätsvolle Timbre zu verlieren, oder Phrasierung und Pianokultur zu vernachlässigen, und der ein überzeugender Darsteller geworden ist. Würde sich Adorno nicht librettogemäß so ausgesprochen dämlich verhalten, könnte er in dieser Besetzung im Dogenamt durchaus Erfolg haben.

Andreas BAUER bietet als Fiesco vielleicht nicht die schönste Baßstimme der Welt auf, daß was er damit macht, ist allerdings Weltklasse. Allein, was er an Phrasierungen in „Il lacerato spirito“ hören läßt, stellt die Charakterzüge der Figur in jeder Nuance vor. Hatte man eigentlich gedacht, eine Steigerung danach sei kaum möglich, geland dies im Duett mit Simone im letzten Akt. Ich habe bis zu diesem Abend noch nie bei diesem Duett Tränen vergossen, jetzt war es soweit.

Das lag auch an Lucio GALLOs Simone. Er verliert zu keiner Sekunde aus den Augen, woher Simone kommt, auch wenn er der Doge ist. Es ist immer noch eine Spur Korsar vorhanden, und wenn er Paolo sich selbst verfluchen läßt, könnte er genauso einem unbotmäßigen Matrosen seines Schiffes zum Deckschrubben abkommandieren. Das nimmt der Figur etwas von ihrer manchmal schwer erträglichen Güte, genauso wenn „Plebe, patrizi“ kein reiner Friedensappell, sondern auch voller Wut ist, daß sich das Volk so bekriegen muß. Die Stimme bietet all diese Facetten dar, dazu auch die des liebenden Vaters vom zarten piano bis zum dramatischen Ausbruch ist alles zudem mit außergewöhnlicher Wortdeutlichkeit versehen.

Als Pietro und Hauptmann ergänzten Magnús BALDVINSSON und Viktor TSEVELEV rollendeckend und solide.

Ein intensiver Abend, der noch länger nachwirken wird.
MK