Die Hamburgische Staatsoper startet mit Verdis „Macbeth“ neu inszeniert vom hauseigenen Intendanten und mit einer durchaus mutigen Besetzung der Titelpartie in die Spielzeit, was überraschend gut aufgeht.
Unsere Herzen hängen seit Jahren an der Berliner „Macbeth“-Produktion von Peter Mussbach als eins der ultimativen Verdi-Vergnügen, und genau das macht es jeder anderen Inszenierung schwierig, uns zu begeistern.
Der Inszenierung von Tobias KRATZER gelingt das gut. Sie ist dicht an Verdis Shakespeare-Vertonung, enthält aber auch viele kleine Ideen, die diesen Opernabend spannend machten. Die Ideen des Regisseurs über die Dynamik zwischen Macbeth und der Lady und die unterschiedlichen Beweggründe der agierenden Charaktere wie Gruppen wurden geschickt mit der Opernversion gespickt mit ein wenig Shakespeare verwoben.
Die Bühne (Rainer SELLMAIER) wird von halbrunden Stufen wie in einem Amphitheater beherrscht, von dessen Rängen die Hexen die Geschichte steuern, und die auch als Spielfläche oder Rückzugsort für die Hauptcharaktere genutzt wird.
Die Hauptspielfläche liegt in der Mitte der Bühne, die geschickt mit immer wieder überraschenden Requisiten und unterstützt vom Lichtkonzept (Michael BAUER) in den auf die jeweilige Szene passenden Raum verwandelt wird.
Das am Bühnenrand eingesetzte Licht wird als Zwischenvorhang genutzt. Das funktioniert abhängig vom Sitzplatz blendfrei oder eben nicht. Ansonsten lebt das Konzept vom stückkonformen Motto „wo Licht ist, da ist auch Schatten“ recht gut.
Die Kostüme stammen ebenfalls von Rainer Sellmaier, sie sind sehr heutig, die Hexen und der Chor trägt schwarz. Sie sind passend, ohne besonders ins Auge zu stechen. Die Wahl des gelben Regenmantels für Fleance hilft natürlich dem nicht mit dem Stück vertrauten Teil des Publikums, ihn am Ende wiederzuerkennen. Dessen Eignung für eine Flucht durch Wald und Glen darf allerdings durchaus in Zweifel gezogen werden, und John RUPP wäre auch ohne ihn durchaus in Erinnerung geblieben.
Die Besetzung von Kartal KARAGEDIK als Macbeth führte bei uns im Vorfeld durchaus zu Überlegungen in Sachen Vorstellungsbesuch. Wir irren uns gern.
Der Bariton meisterte die Aufgabe wirklich gut. Mehr als irgendwann zuvor, bekam man ein spannendes Rollenporträt zu sehen. Der Weg zwischen den klassischen Sichtweisen Macbeths hin zu einer realistischen Figur war gut nachvollziehbar. Dieser Macbeth wurde nicht nur als Opfer der Ambitionen seiner Frau oder nur machthungrig oder nur irre präsentiert. Den Abend über erkannte man viele Facetten in ihm, und das Erfreuliche war, daß man diese auch hörte. Gern mehr davon auch in anderen Partien.
Nach der Pause stimmlich noch stärker als im ersten Teil verdiente Kartal Karagedik sich seinen Applaus mit einem mehr als nur anständig gesungenen „Pietà, rispetto, amore“ als Höhepunkt. Es ist erfreulich, dass man in Hamburg nun (endlich) wieder stärker auf das hauseigene Ensemble vertraut.
Als Banco war Alexander VINOGRADOV zu hören, der damals zur Stammbesetzung des oben genannten Berliner „Macbeth“ gehörte. Hier hat er nach seinem Tod noch diverse stumme Auftritte zu absolvieren, in denen er genauso überzeugend ist wie stimmlich insbesondere in seinem Duett mit Macbeth, wo die beiden Stimmen exzellent zueinander paßten, und seiner Arie, die voller Todesahnung erklang.
Nino MACHAIDZE sang eine blitzsaubere Lady Macbeth, und genau das war das Problem. Man vermisste die stimmliche Charakterisierung der Figur. Während man im Spiel durchaus Temperament und die ausgeprägte Machtorientierung zu sehen bekam, plätscherte es gesanglich eher so dahin. Es fehlte an Auslotung des Textes.
Macduff ist hier offenbar der Chef der Security für den König. Dovlet NURGELDIYEV spielt vor der Pause hingebungsvoll den pflichtbewußten Leibwächter mit Knopf im Ohr, den er dann im 2. Finale wütend entsorgt. Wenn er nach der Pause um seine Familie trauert, ist diese Verzweiflung mit den Händen zu greifen. Dabei singt der Tenor ganz auf Linie, benötigt keine theatralischen Schluchzer, um einen zutiefst gebrochenen Mann darzustellen, dessen schockierende Tat im Finale sogar verständlich wird.
In den kleineren Rollen begeisterten neben Colin AIKINS als sehr präsenter Malcolm insbesondere Mariana POLTORAK (Dame der Lady Macbeth) mit ihrer eindrucksvollen Stimme, beide Mitglieder des Opernstudios, und Chao DENG, der als Arzt positiv in Erinnerung blieb. Als Erscheinungen rundeten Inés LÓPEZ FERNÁNDEZ und Christopher JÄHNIG (auch Diener des Macbeth und Mörder) den positiven Eindruck des aktuellen Opernstudios ab.
Der CHOR (Leitung: Alice MEREGAGLIA) ist aktuell in sehr guter Verfassung. Er zeigte eine gute Leistung. Man könnte vielleicht anmerken, daß die erste Hexengruppe in der ersten Szene etwas dünn klang, das kann aber auch an der Platzierung gelegen haben.
Das in der Frage „Ist das wirklich unser ORCHESTER?“ enthaltene Erstaunen, das sich bei vielen im Hamburger Publikum bereits in der vergangenen Saison einstellte, hatte auch diesem Abend seine Berechtigung. Insbesondere die blitzsauber spielenden Blechbläser boten Grund für Begeisterung.
Die musikalische Leitung oblag Tomáš HANUS, der einen schwungvollen Verdi dirigierte und die Effekte schön herausarbeitete, dabei aber immer sängerfreundlich blieb, was aufgrund des hinten nicht geschlossenen Bühnenbilds umso positiver zu vermerken ist.
Diese Produktion werden wir uns mehr als einmal anschauen. MK & AHS