Als ich den Spielplan der diesjährigen Spielzeit in der Hand hielt, hatte ich einen kleinen Schock, als ich sah, dass es einen neuen „Barbiere“ gibt. Zwar war die alte Produktion von 1976 schon angestaubt, aber immer wieder für einen Schmunzler gut – und ein bißchen Museales darf sich eine Oper auch leisten.
Dann fiel mein Blick jedoch auf den Namen Tatjana GÜRBACA, dessen Mainzer „Macbeth“ es auf meine All-time-favourite-Liste „Besser geht’s nicht, nur anders“ schaffte. Und was soll ich sagen, die Liste hat einen Platz mehr. Wie in der Verdi-Inszenierung jagt ein toller Einfall den nächsten, ohne das Stück zu überfrachten und ist dabei immer extrem nah am Text.
Klaus GRÜNBERG gestaltet eine kammerspielartige Bühne und sorgt für eine tolle Lichtregie, Barbara DROSIHN entwarf die passenden Kostüme. Gemeinsam mit der Regisseurin zeigen sie, daß man keine imposante Ausstattung benötigt. Personenführung ist das Stichwort!
Der Clou dieser Inszenierung ist, dass Bartolo ernst genommen wird. Er ist zwar immer noch ein schrulliger Kauz, aber auch ein Mensch mit Gefühlen. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß das Finale von einer komischen Rossini-Oper (!) einen solchen crescendoartigen Bruch in der Stimmung vertragen und eine derartige Gänsehaut verursachen kann, nach der man die inszenierte Stille regelrecht braucht. Und das nach einer – ich wiederhole mich gerne – komischen Rossini-Oper! Das kann Regietheater! Das muss man gesehen haben!
Musikalisch blieb kaum ein Wunsch offen. Lilly JØRSTAD ist eine herrlich aufmüpfige, selbstbewußte und verführerische Rosina, die weiß, was sie (zumindest vielleicht auch nur vorübergehend) will: Lindoro. Ergreifend spielt sie die Momente, in denen sie erkennt, dass sie nun allerdings DIESEN Grafen Almaviva auf Lebenszeit bekommen und Bartolo verloren hat. Wie heißt nochmal die andere Oper, die in Sevilla spielt?
Jonah HOSKINS (Almaviva) zeichnet sich durch eine hervorragende Technik aus, die es ihm ermöglicht die gerne gestrichene Cavatine im Finale bravourös zu bewältigen. Da sitzt jeder Ton, auch die Vollhöhe, bombensicher. Ich habe allerdings ein wenig die stimmliche Identifikation mit der Rolle vermißt, die darstellerisch durchaus zu sehen war. Vielleicht kommt das ja noch mit der Zeit.
Mattia OLIVIERI beeindruckte als Figaro mit stimmlicher und schauspielerischer Präsenz. Er ist einfach da, gibt dem Affen Zucker, wenn dieser ihn braucht und zeichnet sich im letzten Bild als einfühlsamer Freund Rosinas aus.
Johannes Martin KRÄNZLE (Bartolo) hielt sich gemäß dem allgemeinen Konzept ein kleines bißchen mehr zurück, als man es von anderen Sängern in der Rolle gewohnt ist. Das tat seiner Leistung jedoch keinen Abbruch.
Ilia KAZAKOV als Basilio fügt sich nahtlos in das spiel- und sangesfreudige Ensemble ein. Ein Highlight war Hellen KWON als Berta, die in ihrer Arie zeigte, wie man brilliante Koloraturen mit tiefen Emotionen meisterhaft verbinden kann.
William DESBIENS empfahl sich als ungemein präsenter (und von der Regie stark aufgewerteter) Figaro-Azubi Fiorello in allen Belangen für größere Aufgaben. Manos KIA komplettierte als Offizier das Ensemble.
Tohar GIL am Pult der HAMBURHER PHILHARMONIKER dirigierte mit sicherer Hand, Italianita und Tiefgang. Alice MEREGAGLIA hatte den CHOR sehr gut im Griff. WFS