Wie sinnbefreit, um nicht zu sagen blöd, kann eine Inszenierung eigentlich sein? Die aktuelle Hamburger „Freischütz“-Produktion: Ja. Trotzdem gibt es Gründe, sich hineinzuwagen.
Zuallererst muß hier das Rollendebüt von Dovlet NURGELDIYEV genannt werden, dessen Max vielleicht nicht den Versuchungen Samiels widersteht, aber so schön, lyrisch und ohne jedes Forcieren gesungen eine Lanze für die elegante Klarheit von Webers Musik brach. Seine hervorragende Diktion, durch die nur die gesungenen, sondern auch jedes gesprochene Wort bis in die letzte Reihe klar verständlich war, war da schlicht die Kirsche auf der Torte.
Alexander ROSLAVETS Caspar wird von der nicht vorhandenen Regie stark vernachlässigt. Man würde ihm wünschen, daß er die Rolle mit einem besseren Regisseur erarbeiten kann, denn stimmlich ist absolut alles da, was ein Caspar benötigt: profunde Tiefe, gefährlicher Unterton, gute Phrasierungen.
Die Agathe des Abends würde man ebenfalls gern einmal in einer weniger enervierenden Umgebung erleben. Zumindest konnten wir uns des Eindrucks nicht erwehren, daß Jane ARCHIBALD sich nicht so recht von dieser freimachen konnte. Gesanglich war sie technisch unangefochten, in den Momenten, in denen sie das Umfeld zu vergessen schien, konnte man das auch über die Interpretation sagen.
Es gelingt uns einfach nicht, mit Narea SON in irgendeiner ihrer Rollen warmzuwerden. Ihr Ännchen mochte in dem, was unter dem Regiekonzept verstanden wurde, aufgehen, aber es war jedes Mal das Quentchen zuviel, das ihr Lacher einbrachte auf Dauer aber nur nervig war
Samiel (Clemens SEINKNECHT) hier Conférencier statt teuflischer Verführer wirkte auf uns ähnlich reizlos und nicht einen Zoll gefährlich.
Ausgesprochen großartig präsentierten sich Andrew HAMILTON als Ottokar und Hubert KOWALCZYK als Eremit. Ersterer mit einer herrlich blasierten Darstellung des Fürsten, letzterer, mit einem Kostüm irgendwo zwischen Guru, Vampir und Saruman geschlagen, ließ höchst respekteinflößende Baßtöne hören, von denen man gerne mehr gehabt hätte.
Chao DENG als Kuno schien unter der ihm auferlegten Sichtweise der Rolle zu leiden. William DESBIENS (Killian) muß noch eine Schippe drauflegen, um neben seinen Kollegen bestehen zu können.
Ein CHOR mit Aufgabe ist normalerweise immer besser als einer, der nur rumsteht. Im Fall dieser Produktion wären Rumstehen und einfach Singen wahrscheinlich besser gewesen. Rein musikalisch betrachtet, schlug man sich aber wacker, auch wenn das aufgesetzte Gekicher, das die Damen ständig hören lassen mußten, bestenfalls albern und schlimmstenfalls enervierend war.
Bereits während der Ouvertüre fragte man sich gemäß dem alten Witz: Welche Oper? Yoel GAMZOU offenbarte eine merkwürdige Wahl von Tempi und Pausen, wodurch jegliche musikalische Spannung verlorenging. Das ORCHESTER hatte einen so rabenschwarzen Abend wie lange nicht mehr. Insbesondere auf die Blechbläser hätten wir gern verzichtet. Das hervorragende Solocello war dagegen ein Genuß für die Ohren und eine Ehrenrettung für den Graben. MK & AHS