Das Königliche Opernhaus Stockholm hat mit der Inszenierung von Sofia Adrian JUPITHER einen ziemlichen Volltreffer gelandet. Man glaubt ja kaum, daß man diesem Stück irgendetwas Neues und Außergewöhnliches hinzufügen kann, ohne zu weit vom Text abzuweichen. Hier ist es gelungen.
Butterfly ist kein Einzelfall. Auf der Bühne neben ihrem Haus, das eher nicht allein idyllisch auf einem Hügel über Nagasaki liegt, stehen weitere Häuser, in denen japanische Frauen mit amerikanischen Seeleuten leben (Bühnenbild Erlend BIRKELAND). Bei diesen anderen Frauen ist die Geschichte aber schon weiter, sie leben im ersten Akt mit Männern, die bestenfalls gleichgültig sind, Alkoholiker und sie schlecht behandeln. Im dritten Akt stellt man fest, daß sie keinen anderen Weg gesehen haben, als sie zu prostituieren. Vorher versucht eine der Frauen sogar noch vergeblich, mit Yamadori anzubandeln, um sich aus ihrer Misere zu retten, nachdem Butterfly ihn abgewiesen hat. Das alles ist aber so dezent, daß man es sehen kann, aber nicht muß. Man kann sich auch auf die sehr präzise Personenregie der eigentlichen Protagonisten konzentrieren.
Primär eigentlich wegen Goro in der Vorstellung fanden wir mit Izabela MATULA eine grandiose Interpretin der Titelpartie. Ihr gelang der Spagat zwischen einen aufwühlend emotionalen, musikalischen Gestaltung und den Herausforderungen der Regie scheinbar mühelos. Ihrer Cio-Cio-San glaubte man das fünfzehnjährige Mädchen ebenso wie die junge Frau, die am Ende nur den einen Ausweg sieht. Wohltuend fern von manchmal zu hörendem Plakativgesang bot die Sängerin eine emotionale Reise, der sich niemand entziehen konnte.
Der Pinkerton an ihrer Seite wirkte eher wie ein Stichwortgeber. Dmytro POPOV sang die Partie recht ordentlich, ohne in Darstellung oder gesanglicher Form groß zu fordern. Frisch, fröhlich, amerikanisch waren die gebotenen Facetten.
Katarina LEOSON als Suzuki konnte nicht an Rollenvertreterinnen anknüpfen, die diese Figur zu einer Hauptpartie machen. Sie blieb stimmlich völlig unauffällig, darstellerisch fügte sie sich gut in das Konzept ein.
Karl-Magnus FREDRIKSSON gab sich beim Vorhang, als habe er gerade die größte Vorstellung aller Zeiten gegeben. Wofür er soviel Applaus einforderte, erschließt sich uns nicht. Sein Sharpless klang wenig ansprechend, die Töne waren müde und auch als Figur konnte man nicht erkennen, was er eigentlich sagen wollte. In ebenso bedenklichem stimmlichen Zustand war der Bonze von Lennart FORSÉN.
Hingegen war Jonas DEGERFELDT als Goro stetig präsent. Er ging mit sichtlichem Vergnügen in seiner Rolle auf. Seine Auftritte in Berlin sind eine kleine Ewigkeit her, umso erfreulicher war es zu hören, daß seine Stimme nichts an Klangschönheit eingebüßt hat und mit farbenreicher Substanz wie Geschmeidigkeit bestach.
Mikael ONELIUS‘ Yamadori bot einen Ausblick ins Tenorfach mit viel Potential. Alice SJÖLIN war eine sehr vielversprechend klingende Kate.
Ein besonderes Lob ist den unglaublich präsenten Statisten, die geschundenen Nachbarinnen von Cio-Cio-San und deren Männern/Freiern zu zollen: Sofie AAVA-OLSSON, Jennie ANGVIKEN, Miranda FALK, Tamara KRSMANOVIC, Max BACKHOLM und Albert HÄGGBLOM. Hedvig FJÄLLSBY als Butterflys Kind zeigte trotz des jungen Alters ebenfalls viel Präsenz.
Der KÖNIGLICHE OPERNCHOR erwies sich mit seiner engagierten und trefflich disponierten Ensemble-Leistung als einer der Trümpfe des Hauses.
Das Dirigat von Daniel CARTER hätte sängerfreundlicher sein können. Die KÖNIGLICHE HOFKAPELLE stand den Kollegen auf der Bühne in nichts nach.
Ein Abend der Lust auf mehr machte. Unser nächster Stockholm-Besuch wird wenn sicherlich wieder während einer laufenden Spielzeit stattfinden.
AHS & MK