Dem Vernehmen nach wurde für die Produktion (Premiere im Oktober 2025) sechs Wochen geprobt. Diese Proben scheinen jedoch eher nicht die beiden wichtigsten Dinge bei einer Komödie betroffen zu haben, nämlich Präzision und Timing.
Im Programmheft wird sich lange darüber ausgelassen, daß man als erste Produktion des neuen Generalmusikdirektors unbedingt „Falstaff“ machen wollte, weil es ein Ensemble-Stück sei. Nur, warum ein Ensemble-Stück, wenn man, trotz gesanglich durchaus guter Leistungen, die ganze Zeit das Gefühl hat, daß keine Figur irgendeiner anderen etwas zu sagen hat?
Es ist mir völlig unklar, was Marlene HAHN mit ihrer Produktion sagen will. Das „Gasthaus zum Hosenbande“ befindet sich vor einem schwarz-pink karierten Vorhang (Bühne Dirk BECKER), wo es zwar eine Karte, aber keinen Wirt gibt. Die Damen trinken im zweiten Bild Tee (und offenbar noch stärkeres), während sie in Reifröcken auf einer in luftiger Höhe schwebenden Bank sitzen. Im zweiten Akt öffnet sich der karierte Vorhang in einen Raum, auf dem drei tanzende Schneiderpuppen mögliche Festkleidung von Falstaff zeigen.
Im vierten Bild wird ein Riesentuch über alles gezogen, was dann den Salon im Hause Ford darstellen soll, aber die Spielfläche sehr einschränkt. Warum es nur weibliche Bedienstete im Hause Ford gibt, obwohl diese laut Libretto doch Ned, Will, Tom und Isaac heißen, erschließt sich auch nicht, dafür erscheinen, wie so einiges, was mit dem Libretto nicht einhergeht, das dann auch nicht in den Übertiteln. Falstaffs Abtransport im schwebenden Wäschekorb ist nett, aber auch nicht abendfüllend.
Nach der Pause gab es immerhin einen Einfall, nämlich der Auftritt der Geister bei Hernes Eiche stilistisch irgendwo zwischen Hieronymus Bosch und einer Netflix-Fantasy-Serie mit großem Wagen und Gruselgestalten. Dem gegenüber steht der Anfang der Szene, in der offenbar eine so wilde Party stattgefunden hat, daß Fenton sich mühsam aus irgendwelchen Tüchern wickeln und hinter einem Baum übergeben muß. Warum weiß ich leider auch nicht. Und wenn die Geister auf Falstaff losgehen, passiert rein gar nichts. Er liegt mit dem Gesicht nach unten, alle anderen stehen singend um ihn herum, tun aber nichts.
Die Kostüme von Melchior SILBERSACK sind wenig kleidsam und immer deutlich zuviel von allem. Es gibt noch einen pinkfarbenen lebensgroßen Teddybären, der die Rolle des Pagen unternimmt und auch ansonsten gelegentlich über die Bühne geistert. Die Darstellerin in dem Kostüm hat große Präsenz, findet im Programmheft aber keine Erwähnung. Der Sinn dieser Figur selbst bleibt unklar.
Samantha GAUL singt eine blitzsaubere Nanetta mit schönen Koloraturen im Feenlied, Maya GOUR reiht sich ein in die Serie von Megs, von denen man gerne mehr hören würde, als die Partie hergibt. Ulrike SCHNEIDER singt eine gute Mrs. Quickley, aber darstellerisch war – regiebedingt? – die „Reverenza“-Szene fast verschenkt. Mit Solen MAINGUENÉ (Alice) bin ich schon in ihrer Hamburger Zeit nie warm geworden, was sich leider nicht geändert hat. Das Aufleuchten der Stimme, was die Damenensembles so reizvoll macht, fehlte, irgendwo hatte sich auch noch ein harter Unterton eingeschlichen.
Mathias HAUSMANN (Ford) ist ein toller Sänger, der auch zu phrasieren weiß, aber es fehlt – auch regiebedingt? – das Spiel mit der Stimme, in „E sogno“ werden eine ganze Menge an Pointen, die man praktisch nur aufsammeln müßte, liegengelassen. Sungho KIM als Fenton läßt eine schöne Stimme hören, die häufig in dieser Partie zu hörenden Intonationsprobleme sind ihm völlig fremd. Aber auch er bleibt szenisch alleingelassen.
Bardolfo und Pistola Daniel ARNALDOS und Peter DOLINŠEK, aus irgendeinem Grund in an Harpo Marx erinnernden Kostüme gesteckt, und Paul KAUFMANN als Dr. Cajus singen ebenfalls sehr anständig, und haben Dinge zu tun, die sich nicht wirklich erschließen.
Das Stück heißt zwar „Falstaff“, aber es reicht eben nicht, wenn nur dieser versucht, ausreichende Interaktionen herzustellen. Lucio GALLO ist stimmlich und darstellerisch in der Partie unanfechtbar und würde auch wahrscheinlich im Schlaf einen exzellenten Falstaff singen können mit all den spontanen Phrasierungen, nonverbalen Reaktionen und dramatischen Ausbrüchen, sowie der tatsächlich ergreifenden Szene zu Beginn des 3. Akts, man würde ihm aber das nächste Mal wieder ein animierenderes Umfeld wünschen.
Dem neuen GMD Ivan REPUŠIĆ am Pult des tadellosen GEWANDHAUSORCHESTERs verrutscht die Balance zwischen Bühne und Graben mehrfach in den schwierigen Ensembles vom zweiten und vierten Bild. Das paßte leider symptomatisch zu der mangelnden Koordination der Inszenierung.
Dies war meine neunte „Falstaff“-Produktion und szenisch leider die zweitschlechteste (die schlechteste ist immer noch Bietos Hamburger Regieunfall). MK