„Don Carlo“ – 17. Januar 2026

Ganz manchmal muß man auch ungewöhnlichen Institutionen dafür danken, daß man einen größtenteils erfüllenden Opernabend erleben durfte. In diesem Fall der Deutschen Bahn. Hätte diese nicht wegen Bauarbeiten auf der Strecke Hamburg-Berlin die Fahrzeit deutlich verlängert, hätte ich keinen Stop in Berlin eingelegt und hätte diese Vorstellung nicht besucht. Das wäre überaus schade gewesen.

Ich hätte die auch nach fünfzehn Jahren noch sehr ansehbare Inszenierung von Marco Arturo MARELLI verpaßt, die ohne zu plakative Momente auskommt, aber dennoch auf sehr kluge Weise Partei ergreift. Allein die Personenführung der flanderschen Deputierten war schon meisterlich, ebenso jene von Elisabeth im letzten Akt. Eine besondere Erwähnung verdient, daß Marelli offenbar seinen Schiller gelesen hat und eine, im Programmheft leider nicht namentlich erwähnte, strenge sehr präsente Herzogin Olivarez auftreten ließ.

Der Schleier, den Elisabeth im ersten Akt trägt, ist der gleiche beim „Schleierlied“ oder im 2. Akt, 1. Szene. Und wenn jemand später berichtet, von etwas zu wissen, dann erfährt man auch warum, weil die Figur die anderen zufällig belauscht hat.

Marellis Bühnenbild ist nicht außergewöhnlich, verschiedene Quader auf dem Boden und herabhängend, aber vielseitig verwendbar. Dagmar NIEFIND schuf die Kostüme, die sehr angemessen und kleidsam sind.

Ich hätte die beiden weiblichen Hauptrollen verpaßt: Christina NILSSON ist jeder Zoll eine Königin als Elisabeth. Sie leidet, aber sie erlaubt sich zu keinem Zeitpunkt, der Unterdrückung nachzugeben. Am Schluß glaubt man ohne weiteres, daß sie sich an die Spitze der Veränderung stellen würde. Die Stimme klingt eher lyrisch und schlank, wodurch deutlich wird, wie jung die Figur eigentlich, aber hat ohne weiteres die notwendige Durchschlagskraft. Das war eine ganz große Leistung.

Karis TUCKER gehört zu den Ebolis, denen weder die Koloraturen im „Lied vom Schleier“, noch die Dramatik von „O don fatale“ Probleme bereiten, sondern beides höchst effektvoll und mit viel Verve singen kann. In Anbetracht der ansonsten weniger dramatischen Rollen, die die Sängerin im Repertoire hat, dürfte hier eine spannende weitere Entwicklung zu beobachten sein. Schade, daß hier die Regie ihr die Schlußkadenz im „Lied vom Schleier“ stiehlt; musikalisch anfechtbar, szenisch wirkungsvoll.

In der Titelrolle war Valentyn DYTIUK zu hören, dem man wünschen würde, daß er die Rolle noch einmal mit einem guten Regisseur erarbeiten könnte, um über die Gestik eines nicht unsympathischen, aber tapsigen Bärenjungen hinauszukommen. Gesanglich hielt er das hohe Niveau seiner Partner, auch wenn er gelegentlich bei der Größe des Hauses aktuell noch an Grenzen stieß.

Geon KIM war als Posa eingesprungen, auch hier eine sehr jung klingende Stimme. Der Sänger schafft, passend zur Stimmfarbe, eine Figur auf die Bühne zu stellen, zwischen Überschwang und dem Versuch, einen abgeklärten Politiker zu geben, dem aber immer wieder die Emotionen in den Weg kommen bezüglich dessen, was er in Flandern gesehen hat. Trotz eher lyrischer Stimme konnte er gut beispielsweise im Duett mit Philipp mithalten.

Neben all diesen Punkten hätte man dann auch noch einen der besten Battles of the Basses verpaßt, die ich in meiner nicht an Vorstellungen armen „Carlos“-Karriere erleben durfte. Liang LI ist ein großartiger Philipp, zeigt darstellerisch einen durchaus noch virilen Mann, bei dem nur die Einstellungen alt sind, der aber gar nicht so abgeneigt wäre, sich für etwas neues zu öffnen. Der Deutschen Oper fällt kurzfristig ihr Großinquisitor aus, und man schafft es, mal eben einen Alexander VINOGRADOV einspringen zu lassen. Die beiden Bässe lieferten in ihrem Duett ein wahres Feuerwerk an tiefen und tiefsten Tönen ab, und hatten auch darstellerisch einen dieser magischen Theatermomente, an die man lange zurückdenken wird.

Die tiefen Stimmen wurden noch komplettiert durch Volodymir MOROSOV als Mönch, sowie einen der flanderschen Deputierten. Die weiteren fünf waren Benjamin DICKERSON, Philipp JEKAL, Paul Minhyung ROH, Byung Gil KIM und Navasard HAKOBYAN. Diese nutzten ihre szenische Aufwertung mit sehr intensivem und individuellem Spiel und waren stimmlich so großartig, daß sie verdient beim Schlußapplaus gefeiert wurden.

Ebenso intensiv waren als Stimme vom Himmel Hye-Young MOON und Kangyoon Shine LEE als Lerma, von denen man gerne mehr gehört hätte. Maria VASILEVSKAYA war als Tebaldo hingebungsvoll damit befaßt, einen linkischen Jungen zu spielen, vielleicht manchmal dabei des Guten zuviel.

Der CHOR und EXTRA-CHOR DER DEUTSCHEN OPER BERLIN (Leitung Jeremy BINES) wirkte irritierend reduziert hinsichtlich der Zahl, weswegen das Autodafè-Bild nicht ganz die musikalische Durchschlagskraft entfalten konnte. Das ORCHESTER DER DEUTSCHEN OPER BERLIN leistete sich etliche Ungenauigkeiten, Juraj VALČUHA konnte an sein großartiges Dirigat in der „Pique Dame“ im Juni nicht anknüpfen, ein paar Male wären Graben und Bühne fast auseinandergelaufen.

Trotzdem, das war schon ein ziemlich guter Abend. MK