„Kinky Boots“ ist ein mitreißendes Musical mit der Musik von Cyndi Lauper, das Akzeptanz, Geschlechterrollen, Freundschaft und menschlichen Umgang miteinander feiert. Es lief vor einigen Jahren in Hamburg mit nicht allzu großem Erfolg, was vor allem an der unsäglichen deutschen Übersetzung lag.
In Berlin war nun eine Westend-Tournee-Produktion zu sehen, im englischen Original mit grob zusammenfassenden Übertiteln, die allerdings zeitweise ausfielen. Und prompt funktionierte das Stück und konnte zeigen, wie gut es eigentlich ist. Die Anzüglichkeiten, die in der deutschen Übersetzung eher vulgär wirken, sind witzig.
Die Geschichte von Charlie, der die vor der Insolvenz stehende Schuhfabrik seines Vaters erbt, und diese damit rettet, daß er die Produktion auf Stiefel für Drag Queens umstellt, nachdem er Lola kennengelernt hat, ist höchst sympathisch und menschlich ergreifend.
Sie steht und fällt aber auch mit der Besetzung der beiden Hauptfiguren. Charlie wurde von Dan PATRIDGE verkörpert, der die coming-of-age-Geschichte dieses Jungen, der zu Beginn nicht weiß, was er vom Leben will, und sich zu einem erwachsenen Mann mit fast schon zuviel Verantwortung entwickelt, gut auf die Bühne brachte und den anspruchsvollen Gesangspart ohne weiteres meisterte.
Was Tosh WANOGHO-MAUD als Lola allerdings schaffte, ließ mich staunend zurück. Er besitzt die stimmliche Reichweite und Farben eines ganzen Gospelchors, alles versammelt in einer einzigen Stimme, kann das jederzeit auch abrufen je nach Art des Songs, sei es rockig oder eine Powerballade. Dazu tanzt er auch noch beeindruckend und ist jederzeit im Kleid sehr ansehenswürdig, aber dabei auch immer noch mit einem Hauch Männlichkeit versehen, was die eine oder andere Bewegung angeht. Das war eine ganz große Darstellung.
Die beiden weiblichen Hauptfiguren standen in dem nichts nach. Courtney BOWMAN als Lauren war in ihrem großen, exzellent gesungenen Solo „Charlie“ so perfekt in komischer Verzweiflung, sich plötzlich in einen Mann Hals über Kopf verknallt zu haben, den sie meint, nicht haben zu können, daß man gleichzeitig mit ihr lachen und weinen wollte. Und Joanna O’HARE als Nicola, Charlies leicht snobistische Verlobte, schaffte mit ebenso beeindruckender Stimme ausreichend Verständnis für die eigentlich nicht sehr sympathische Figur zu wecken.
Aus dem weiteren, sehr guten Ensemble ragten noch Billy ROBERTS (Don) und Jessica DALEY (Trish), die ihre mangelnde Begeisterung von den Drag Queens in der Fabrik und den späteren Wandel gut ausspielten, sowie Jonathan Dryden TYLER als Charlies Vater (die Stimme ließ trotz der kurzen Partie aufhorchen) und Scott PAIGE als Vorarbeiter George mit beeindruckenden Tanzmoves, heraus.
Riesenjubel mit Standing Ovation und tanzendem Publikum am Schluß. In der Originalfassung schaue ich mir das Stück jederzeit wieder an. MK