Hector
Berlioz‘ 200. Geburtstag ist der Anlaß, daß seine Werke auch in Frankreich
wieder zur Aufführung kommen. Er war in seiner Heimat ja nie sonderlich
erfolgreich. Sein cholerisches Temperament und seine bissigen Kritiken
in verschiedenen Zeitungen halfen natürlich nicht, sich Freunde zu machen.
Nach 200 Jahren wird es langsam Zeit, daß dieses außergewöhnliche Genie
endlich in Frankreich anerkannt wird. Im 20. Jahrhundert war Berlioz eine
englische Angelegenheit, vor allem dank der Bemühungen von Colin Davis.
Aber schon Sir Thomas Beecham hatte Berlioz sehr viel gespielt und aufgenommen.
Auch diese – erste komplette – Aufführung von „Les Troyens“ in Paris war
wieder fest in englischen Händen.
„Les
Troyens“, sein bedeutendstes Werk für die Szene, wurde lange als unaufführbar
bezeichnet. Berlioz schrieb selbst das Textbuch nach Virgils „Äneide“,
die er in früher Jugend kennen gelernt hatte, ergänzt mit einer zusätzlichen
Szene aus Shakespeares „Kaufmann in Venedig“ (der Text des Duetts, „O
nuit d’ivresse“, zwischen Dido und Äneas im 4. Akt stammt großteils aus
der Szene zwischen Jessica und Lorenzo).
Als
Berlioz 1856 Liszt in Gotha besuchte, der drei Jahre vorher seinen „Benvenuto
Cellini“ in Weimar zur deutschen Erstaufführung gebracht hatte, war der
Text fertig, und Berlioz hatte die Komposition begonnen. Er sollte nie
den 1. Teil („La Prise de Troie“) hören, sondern 1863 nur die Aufführung
des (gekürzten) 2. Teils („Les Troyens à Carthage“) erleben – und das
nach unglaublichen Schwierigkeiten. Erst 1890 fand die Uraufführung beider
Teile (auf deutsch) unter Felix Mottl in Karlsruhe statt.
Wie
Wagner, der praktisch gleichzeitig am „Ring“ arbeitete, wollte Berlioz
eine neue, ideale, utopische Oper schreiben, ein Werk der Zukunft. Wie
Wagner war Berlioz von Gluck, Weber und Spontini stark beeinflußt, Komponisten
die beide bewunderten. „Les Troyens“ ist in jeder Hinsicht ein ungewöhnliches
Werk - schon wegen der Länge (über 4 Stunden Musik!), jedoch im Gegensatz
zum „Ring“, nicht hoffnungslos. Es behandelt zwar den Untergang von Kulturen,
der trojanischen (direkt) und der karthagischen (projiziert), aber am
Ende steht auch die Verheißung einer neuen, der römischen Kultur, wenn
Clio (hier die verwandelte Seherin Cassandra) „Fuit Troja, stat Roma“
prophezeit. Dieser utopische Aspekt ist vermutlich einer der Gründe des
fehlenden Interesses des französischen Publikums. Es wird zwar eine einigermaßen
blutrünstige, heldische Geschichte erzählt, aber der Held Äneas paßt nicht
in die Konzepte des 19. Jahrhunderts, denn er verschmäht einen Königsthron,
um seiner Sendung zu folgen. Berlioz hat bewußt auf die klassische französische
Tragödie Racines und die musikalischen Gegenstücke Rameaus zurück gegriffen
und einen völligen Bruch mit der Form und Tradition der italienischen
und französischen Oper des 19. Jahrhunderts vorgenommen. Mit Berlioz‘
Charakter der Neuerung verwandte er auch neue Instrumente, vor allem die
Adolphe Sax erfunden hatte, Saxhorn und Ophicléide, die so Eingang in
den Orchestergraben gefunden haben.
Die
Rehabilitierung der „Troyens“ durch das Châtelet ist ein nachahmenswertes
Beispiel der Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur, Yannis KOKKOS (Regie,
Bild, Kostüme) und dem Dirigenten, Sir John-Elliot GARDINER. Ein einfaches,farbiges
Bühnenbild ist von den Klassizisten (Palladio) und historisierenden Gemälden
(Turner) inspiriert. Die „Cité idéale“ wird auf den Vorhang und den Hintergrund
projiziert. Eine verkehrte, d. h. aus dem Hintergrund aufsteigende, Stiege
ist das wichtigste Bühnenelement. Die Idee, mittels eines riesigen Spiegels
(dem Zuschauer unsichtbar am Schnürboden), die aufsteigenden Trojaner
zu verdoppeln, oder der Kopf des trojanischen Pferds – ein Schimmel -
nur als Spiegelbild sichtbar zu machen, kann man getrost als genial bezeichnen.
Während des ganzen letzten Akts habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie
die, hier von vorne aufsteigende, Stiege wie eine Brücke gespiegelt wird.
Faszinierend!
Die
trojanischen Szenen sind dunkel bis zum brennenden Troja, außer Cassandra,
ganz in weiß, während die karthagische Welt in Pastellfarben erscheint.
Die Personenführung ist, der durchdachten Regie entsprechend, ausgezeichnet.
Der fast ständig anwesende achtzigköpfige Chor bewegt sich ohne jegliche
Künstlichkeit, die durchwegs vorzüglichen Sänger sind in perfekter Harmonie
mit Musik und Bühne, ebenso wie das sehr gelungene Ballett der Zimmerleute,
Fischer und Bauern im 3. Akt (Choreographie Richild SPRINGER). Zum Zwischenspiel
des 4. Akts, der berühmten „Chasse Royale“, wird als Video (von Eric DURANTEAU)
eine afrikanische Savannenlandschaft auf den Zwischenvorhang projiziert,
in der das trojanische Pferd galoppiert.
Diese
außergewöhnliche Produktion ist ein Beweis, daß eine gut durchdachte Regie,
mit einem Konzept, das auf dem Geist der Musik und des Textes beruht,
eine moderne, aber auch höchst poetische Inszenierung ergeben kann. Aber
auch ein konservatives Publikum kann damit etwas anfangen.
Die
musikalische Seite ist außergewöhnlich anspruchsvoll, sowohl für das Orchester
als für die Sänger. Sir John-Elliot Gardiner hat sein ORCHESTRE RÉVOLUTIONAIRE
ET ROMANTIQUE aufgeboten, sowie eine größere Banda auf der Bühne mit den
berühmten Saxhörnern, die der elsässische Instrumentensammler Bruno Kampmann
leihweise beigestellt hatte. Gardiners MONTEVERDI CHOIR und der CHOEUR
DU CHÂTELET stellten je vierzig Sänger, von Donald PALUMBO bestens einstudiert,
die die vielen Chorszenen belebten. Die perfekte französische Diktion
und Wortdeutlichkeit, sowie die darstellerische Aktivität soll hervorgehoben
werden. Gardiner dirigierte mit ansteckendem Enthusiasmus und sichtlicher
Liebe diese ungeheure Partitur (mit 2 Pausen dauert die Aufführung 5 1/2
Stunden!).
Von
den Sängern sind in erster Linie die beiden weiblichen Hauptrollen zu
nennen. Beide Rollen liegen zwischen Mezzosopran und dramatischem Sopran
(in vielen gekürzten Fassungen von der selben Sängerin gesungen). Anna
Caterina ANTONACCI interpretierte Cassandras Weissagungen mit großer Intensität,
eine großartige Sängerin und Schauspielerin. Ganz in weiß gekleidet ist
die bildschöne Sängerin auch eine Augenweide. Das Treffen mit Chorebe
war ungemein ausdrucksstark. Als Dido war Susan GRAHAM eine noble Königin,
eine liebende Frau und ihr erschütternder Abschied war der einer großen
Tragödin.
Die
ebenso lange wie schwierige Rolle des Énée liegt zwischen französischem
lyrischem und Heldentenor. Außerdem ist der Sänger fast ständig auf der
Bühne. (Mit Hugh Smith gab es eine Zweitbesetzung.) Gregory KUNDE, mehr
als Rossini-Tenor bekannt, sang diese mörderische Partie mit Bravour und
szenischer Präsenz. Man kann ihm allerdings anraten, diese Rolle nicht
zu oft zu singen, denn bisweilen schien er die Grenzen seiner Möglichkeiten
zu erreichen. Ludovic TÉZIER lieh seinen herrlichen Bariton dem Chorebe,
dem Geliebten Cassandras, und stellte wieder eine Prachtfigur auf die
Bühne.
Die
vielen weiteren Sänger waren alle ausgezeichnet: die junge Kroatin Renata
POKUPIC übernahm kurzfristig die Rolle der Schwester Didos Anna. Sie umgab
mit glockenreinem Mezzo-Sopran Dido mit Sorgfalt und Liebe. Ebenso wie
Laurent NAOURI seinen Prachtbaß dem Narbal lieh und Dido beriet. Sehr
treffend waren Laurent ALVARO und Nicolas COURJAL in den Bufforollen der
beiden Trojaner, die absolut nicht nach Italien wollen, weil sie sich
bereits eine schöne Carthagerin angelacht haben.
Die
junge Stéphanie d’OUSTRAC entledigte sich bestens der verspielten Rolle
des Ascagne mit Takt (Ascagne zieht diskret Dido den Ring ihres verstorbenen
Gatten vom Finger.), Topi LEHTIPU als Hylas, königlicher Hauspoet der
Dido, sang mit seinem hohen Tenor „Oh blonde Cérès“ subtil und meisterhaft.
Marc PADMORE als Iopas, Nicolas TESTÉ als Pantheus, Fernand BERNADI als
Hectors Geist, René SCHIRRER als Priamus und Merkur und Danielle BOUTHILLON
als Hekuba waren mehr als rollendeckend und vervollständigten vorteilhaft
die ausgezeichnete Besetzung.
Ein
perfekter Abend, ein Triumph, das Publikum tobte und feierte die Künstler
stürmisch. Das Châtelet wird eine DVD Aufzeichnung der „Troyens“ herausbringen.
Allen Opernliebhabern, die ein bedeutendes, wenig gespieltes Werk und
eine echte Rarität in einer vorbildlichen Aufführung sehen wollen, ist
diese Produktion sehr zu empfehlen. wig.
P.S.:
Die Aufführung am Sonntag Nachmittag (26. 10.) wurde direkt auf dem öffentlichen
Fernsehen (France 2 den 1. Teil und France 3 den 2. Teil) und simultan
auf UKW von France-Musiques übertragen.
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